Verfolgung von LSBTTIQ in Baden Württemberg

Lesben und Schwule setzen sich ein für würdigen Lern- und Gedenkort im „Hotel Silber“

Gemeinsamer Appell von 460 Menschen an Stadt und Land wurde offiziell im Landtag übergeben.

Stuttgart, 19. Februar 2014: Stellvertretend für zahlreiche LSBTTIQ-Vereine in Stuttgart wurden am Mittwoch 19. Februar insgesamt 460 Unterschriften für einen würdigen Lern- und Gedenkort „Hotel Silber“ an Brigitte Lösch (Vizepräsidentin des Landtags und queer-politische Sprecherin der Landtagsfraktion von B90/Die Grünen, MdL), Anneke Graner (queer-politische Sprecherin der Landtagsfraktion der SPD, MdL) sowie Florian Wahl (MdL, SPD) übergeben.

Mit dem Appell sollen politisch Verantwortliche sowohl im Land Baden-Württemberg als auch in der Landeshauptstadt Stuttgart dafür sensibilisiert werden, dass die Verfolgungsgeschichte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgender, intersexuellen und queeren Menschen (LSBTTIQ) im künftigen Lern- und Gedenkort „Hotel Silber“ nicht nur gestreift werden darf. Vielmehr muss dieser bisher meist unbeachtete Teil der Geschichte ein fest verankerter Baustein im Gesamtkonzept in der ehemaligen Gestapo-Zentrale werden. Gleichzeitig gilt es, endlich mit der systematischen Aufarbeitung der Geschichte von LSBTTIQ-Menschen zu beginnen.

Durch die Reduzierung der Fläche für die Dauerausstellung von 600 auf 300 Quadratmeter bleibt zu befürchten, dass die Kontinuität der Verfolgung für LSBTTIQ-Menschen vor 1933 und nach 1945 nicht einmal in Ansätzen adäquat dargestellt werden kann.

Die LSBTTIQ-Gemeinschaft und die 460 Bürger_innen appellieren an die Mitglieder des Stuttgarter Gemeinderats und an die Abgeordneten des baden-württembergischen Landtags, sich nach fast 70-jährigem Vergessen, Verdrängen und Vernachlässigen des Leids von LSBTTIQ-Menschen für einen würdigen Lern- und Gedenkort unter Einbeziehung aller NS-Verfolgtengruppen einzusetzen.

Nur so kann sichergestellt werden, dass in Baden-Württemberg erstmals in einer Gedenkstätte die spezifische Geschichte und die Funktion der Ausgrenzung sowie Verfolgung dieser Minderheiten angemessen dargestellt werden kann.

Nachdem Stadt und Land mit der Entscheidung für den Erhalt des Gebäudes in der Dorotheenstraße sowie dem gemeinsamen Betriebskonzept zukunftsweisende Weichen gestellt haben, gilt es nun, die historische Chance zur Aufarbeitung und Darstellung der Verfolgung von LSBTTIQ-Menschen vor und nach 1945 in angemessenem Rahmen umzusetzen.

Hintergrund:

Bisher fand keine systematische Aufarbeitung statt

„Es gibt in Baden-Württemberg bisher keine systematische Aufarbeitung und dauerhafte Darstellung des NS-Unrechts an homosexuellen Menschen“ – noch im Jahre 2010 musste dies die damalige baden-württembergische Landesregierung einräumen. Auch die Stadt Stuttgart hat sich dieser Aufgabe bislang noch nicht konsequent gestellt. Das ist ein wichtiger Grund, warum die Erwartungen von Vereinen und Aktivist_innen aus dem LSBTTIQ-Spektrum an den geplanten Lern- und Gedenkort Hotel Silber sehr hoch sind, zumal das Haus symbolhaft für mehrere Generationen Verfolgungsgeschichte Homosexueller in den Jahren 1928 bis 1969 steht. Es ist Symbol für die Vernichtung vieler Existenzen durch Berufsverbote, Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Ächtung und frühen Tod. Die Geschichte des Umgangs mit Diversität und Vielfalt kann hier in besonderer Weise thematisiert werden. Die einmalige Chance der Aufarbeitung des Unrechts des § 175 in der NS-Fassung – auch in der Zeit von 1945 bis 1969 – in einer Gedenkstätte ist von überregionaler Bedeutung!

 

  • Lern- und Gedenk-Ort Hotel Silber

Die Weissenburg ist Gründungsmitglied des Vereines Lern- und Gedenkort Hotel Silber. Im Hotel Silber fand die Verfolgung von Schwulen in der NS-Zeit und auch danach bis 1969 statt. Gemeinsam mit dem Verein Lern- und Gedenkort Hotel Silber setzen wir uns für eine angemessene Aufarbeitung der Verfolgungsgeschichte ein.

http://hotel-silber.de/wer-wir-sind/weissenburg-ev/

 

  • Aktion zu den Städtischen Haushaltsberatungen

Am 9. Dezember übergaben die Stuttgarter Lesben und Schwulen Organisationen, dass bis dahin erzielte Ergebnis ihrer Unterschriftenaktion an den Oberbürgermeister. Zweck war, durch den Gemeinderat zu erreichen das das zweite Obergeschoss im ehemaligen Hotel Silber, für die Dauerausstellung zur Verfügung steht. Nur so sehen die Lesben und Schwulen Organisationen eine Möglichkeit, die Verfolgungsgeschichte angemessen und kontextgerecht darzustellen.

Auf der Website der Stadt Stuttgart wird über die Übergabe berichtet: http://www.stuttgart.de/item/show/273273/1/9/522368

Die Stuttgarter Zeitung berichtete indes, dass sich das Land bei den Mietkosten zum Lern- und Gedenkort bewegt: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ns-gedenkstaette-in-stuttgart-finanzierung-fuer-hotel-silber-gesichert.9b5f9fff-282d-4c15-950a-f58daa282b80.html